Shadow of the Colossus im Test

PS4 Reviews

Wer eine PlayStation 2 besessen hat, wird sich vermutlich an die dort erschienen Spiele von Fumito Ueda erinnern. Das erste, ICO, war ein märchenhaft inszenierter Kampf, in dem es um nicht weniger als die Freiheit ging, eingebettet in Objekt-basierte Rätsel und KI-Spielerein. Der zweite Titel, lange bevor das Entwicklerstudio Team ICO sich mit dem für PS4 veröffentlichten The Last Guardian in wunderschöner Mittelmäßigkeit verlor, thematisierte einen Kampf gegen den Tod und das Schicksal. Sechzehn riesenhafte Wesen galt es zu bezwingen, in einem der bis heute eindrucksvollsten Spiele einer Generation, das nun in Form eines kompletten Remakes von Bluepoint Games und Sony für die übernächste Konsolengeneration aufbereitet wurde. Die Rede ist von Shadow of the Colossus.

Von einem, der auszog, dem Tod das Fürchten zu lehren

“Behutsam lenke ich Agro über die ausgetretenen Pfade, die mich meinem Ziel näher bringen sollen. Das Pferd scheut, ich ziehe etwas fester an den Zügeln. Ich weiß nicht was ihm mehr Angst macht, der tiefe Abgrund auf der einen oder die beengenden und rutschigen Felsen auf der anderen Seite. Als wir über eine Unebenheit steigen müssen, verrutscht das vor mir platzierte Paket und ich schnappe nach Luft. Nichts darf ihr geschehen, zu viel musste sie schon ertragen. Ich umfasse sie enger und fester. Irgendwann, nach einer gefühlten Ewigkeit, nach Äonen der selbstauferlegten Qual, kann ich den Tempel am Horizont erkennen. Dort hoffe ich Antworten zu finden. Dort hoffe ich den Tod besiegen zu können. Doch was mag der Preis sein?”

Allzu viel soll an dieser Stelle zwar nicht zur Handlung des Spiels verraten werden, aber diese aus dem Opening stammende Momentaufnahme spiegelt schon sehr gut die generelle Stimmung, die Melancholie des nun fast dreizehn Jahre alten Spiels wieder. Als namenloser Held, als Wanderer, der mit seinem Pferd Agro und der Leiche einer blassen Frau unterwegs zu einem Tempel ist, starten wir unser Abenteuer. Eine erwachte Präsenz erzählt uns davon, dass man dem Tod durchaus trotzen, ihn austricksen kann. Aber dafür müssen die sechzehn durch die Welt wandelnden Kolosse besiegt und ihre Götzen zerstört werden. Wir lassen den Leichnahm der Frau im Tempel zurück und ziehen los. Wie Don Quijote einst, treiben wir unser Pferd hinaus in die Welt, um Riesen zu bezwingen.

Von Ruinen und der Einsamkeit

Und was für eine Welt das ist. Eine auf den ersten Blick leere und ausgestorbene zwar, aber dennoch eine, die in ihrem Abwechslungsreichtum andere aktuelle virtuelle Welten in den Schatten zu stellen vermag. Wer sich nur ein wenig für Landschaften begeistern kann, wird in Shadow of the Colossus niemals müde die Schönheit dieser zu bewundern. Das liegt zum einen daran, dass die reine Vielfalt beeindrucken kann. Sattgrüne Wiesen, zerklüftete Felsen, Berge, Täler, Wüsten, imposante Seen oder verfallene Ruinen – Eindringlicher und glaubwürdiger hat man solche Areale schon lange nicht mehr wahrgenommen. Zwar sind diese Abschnitte nicht – wie in anderen Offenen Welten üblich – gespickt mit Nebenaufgaben, Geheimnissen und NPCs, aber das unterstützt letztlich nur das Gefühl der Einsamkeit und macht viel des eigenartigen Reizes aus. Zumindest mir ging es so, dass ich häufiger staunte als die Leere zu beklagen. Hier regen sich in mir Gefühle, die ich sonst nur von der Dark Souls-Reihe oder dem wunderschönen Journey kenne: Eine Art von Wehmut aber auch Bewunderung.

Zum anderen überzeugt die grafische Billanz dieses Remakes auf ganzer Linie. Was Bluepoint da abliefert ist unglaublich. Ganz sicher nicht gemessen an der technischen Qualität eines Assassin’s Creed Origins, Uncharted 4: A Thief’s End oder Horizon Zero Dawn, aber ich übertreibe nicht, wenn ich behaupte, dass es sich bei Shadow of the Colossus um das schönste Remake handelt, das bis heute geschaffen wurde. Wer sich die Vergleichsbilder, anschaut, wird mir zustimmen müssen. Bluepoint hat nicht einfach nur die ohnehin hervorragende Blaupause genommen und abgezeichnet, sondern sie um Details ergänzt und soweit verändert, dass zwar nichts wirklich Neues entsteht, aber eine Art Version 2.0, die ultimative Version.

Im Kampf gegen Windmühlen

“Ich tauche den Kopf unter Wasser und erschaudere. Die Kälte verteibt zwar die Müdigkeit, raubt mir aber gleichzeitig auch die Kräfte. Doch die im See verschwindene Treppe, die unzählbare Stufen in den Himmel hinauf zu führen scheint, ist beinahe greifbar. Nass bis auf die Knochen steige ich Stufe um Stufe hinauf, nähere mich jenem donnernden Grollen, das der Koloss von sich gibt, der oben auf mich wartet. Als ich ihn erblicke, stockt mir der Atem. Er hat die Größe eines Gottes, das lange Fell hängt ihm über die Knie, seine steinerne Krone verspricht zudem Halt. Und was ist das für ein Schimmern auf seinem Kopf?”

Das eigentliche Highlight des Spiels sind natürlich die riesigen Kolosse, die es zu töten gilt. Dass es sich dabei um die einzigen Gegner des Spiels handelt, ist dabei aber nicht von Nachteil, denn jeder dieser Titanen muss mit einer besonderen Taktik besiegt werden, jede Begegnung spielt sich wie eine Art Level im Level. Bei dem nicht nur äußere Einflüsse zählen, sondern auch die Natur des Wesens. Denn dieses steht ja nicht still und lässt sich erledigen, sondern befindet sich ebenfalls im Kampf mit dem geradezu winzigen Wanderer. Alleine vom Spieldesign ist das eine so willkommene Abwechslung vom spielerischen Einheitsbrei, dass sich dieses Konzept auch heute noch frisch anfüglt und das – wenn man mal einen zynischen Blick auf die Landschaft wirft – wahrscheinliche noch lange so bleiben wird.

Und was Bilder nicht festhalten können, ist das Gefühl, dass man hat, wenn man einen Weg auf den Koloss gefunden hat, wenn man sich in seinem Fell festhält und stück für Stück hinaufklettert, immer ein Auge auf die stetig abnehmende Ausdauer werfend. Fällt diese auf Null, fällt auch der Protagonist. Und das Spiel beginnt von vorne. Das man sich gegen die aus anderen Spielen bekannten Kletterautomatismen entschieden und hat und für eine mitunter für Frust sorgende Mechanik, muss den Entwicklern hoch angerechnet werden. So fühlt man sich tatsächlich der Willkür von übermächtigen Wesen ausgesetzt, wenn diese sich plötzlich schütteln und der Ausdauerwert währenddessen rapide abnimmt.

Aber wer geschickt vorgeht, wird irgendwann einen Schwachpunkt ausmachen können, an denen die Wesen verletzt werden können. Manchmal müssen sie mit dem Bogen bearbeitet werden, meist aber mit dem Schwert. Was auf dem Papier nach einer einfach Sache klingt, entpuppt sich in der Praxis mitunter als recht knifflig. Attacken müssen getimed werden, während man auf die Bewegungen achtet. Man will ja nicht plötzlich herunterfallen, nur weil man sich nicht im rechten Augenblick festgehalten hat.

Manche Kolosse können überdies auch nur bezwungen werden, wenn man die Umgebung miteinbezieht, oder daran denkt auf das eigene Pferd zu steigen. Es sind kleine Rätseleinlagen, die bewältig werden müssen, wenn man erst einmal herausfinden möchte, wie man den Gegner besteigen kann. Zeitloses Design überwiegt auch hier jegliche romantisch verklärte Nostalgiesicht. Das funktioniert alles hervorragend, auch wenn die Steuerung manchmal etwas bockig ist, beziehungsweise sehr schwerfällig reagieren kann.

Abseits ausgetretener Pfade

Ansonsten kann man frei zwischen drei möglichen Schwierigkeitsgraden wählen, wobei selbst der schwerste noch immer sehr angenehm zu bewältigen ist. Besiegte Kolosse können auch in einem Time Attack-Modus nochmals bezwungen werden. hier lässt sich besondere Ausrüstung freischalten. Wer die Spielumgebungen zudem genauer betrachtet wird Eidechsen über den Boden huschen oder Früchte in Bäumen hängen sehen. Essen könnt ihr beides. Und während das eine die Ausdauer dauerhaft erhöht, sorgt das andere für mehr Lebensenergie.

Leider legt das Spiel fest in welcher Reihenfolge man die Gegner bezwingen muss. Schöner wäre es – gerade am Standard heutiger Open World-Titel gemessen – wenn man sich seinen eigenen Weg hätte suchen können. Das kann man natürlich in der Theorie schon, da jede Region zu jeder Zeit erreichbar ist, aber die Gegner erscheinen immer nur der Reihe nach. Den einen wird es mehr stören als den anderen, aber generell ist das Kritik auf hohem Niveau.

Wenn der Klang zur Kulisse wird

Neben den zahlreichen grafischen und technischen Verbesserungen, zu denen unterschiedliche Steurungsoptionen genauso zählen, wie Support der PlayStation 4 Pro, wurde auch der Soundtrack neu arrangiert. Die orchestral eingespielten Stücke sind immer perfekt an die jeweiligen Situationen angepasst und werden nie allzu aufdringlich, sind aber so toll geschrieben, dass man sich beinahe wünscht sie würden häufiger zum Einsatz kommen.

Gesprochen wird übrigens eine Fantasiesprache, die aber immerhin Deutsch untertitelt wird. Das sorgt für noch mehr Atmosphäre – zauberhaft.

Fazit zu Shadow of the Colossus

Shadow of the Colossus ist ein wunderbar minimalistisches Märchen. Die Geschichte gerät schnell in den Hintergrund, gerade in der ersten Hälfte, nur um in der zweiten plötzlich anzuziehen und in einem grandiosen und emotionalen Finale zu gipfeln. Wer zwischendurch also unter vermeintlichen Ermüdungserscheinungen leidet, sollte weitermachen. Es lohnt sich!

Dennoch gilt ganz allgemein, dass es kein Spiel für jeden ist. Aber wer sich darauf einlässt, dem bietet der Titel weitläufige Areale verwunschener Schönheit, majestätische Kolosse mit beinahe gottgleicher Präsenz, die zu erledigen mehr verlangt als man es vermuten könnte, verfallene Ruinen, staubige Wüsten, luftige Höhen und einen Soundtrack, der unter die Haut geht. Es ist weniger Action- und vielmehr Adventure. Mehr Journey als Witcher. Aber es ist eine atemberaubende Reise. Ein spielbares Märchen, in dem jeder sichtbare Eindruck so viel wiegt wie eine Erfahrung.

Zu sagen man müsse nur die Monster töten, ist – obwohl absolut wahr – gleichzeitig in etwa so richtig, wie zu sagen, dass man in einem Buch nur Worte lesen muss. Und so beweist Bluepoint mit diesem technisch hervorragenden Remake, dass der Titel auf einem spielerisch zeitlosen Meisterwerk fußt, das jetzt in seiner “absoluten” Fassung vorliegt.

Zocken ist meine Leidenschaft. Besonders Games mit Atmosphäre, toller Story und einem wunderbaren Sound ziehen mich immer wieder in den Bann. Meine Lieblingsgenres sind: Rollenspiele, Shooter und Strategie und Action.

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